Gärten als Metapher für den Zustand der Welt

In Zeiten der Klimakrise interessieren sich viele Menschen für Gärten. Bis zum ersten Dezember ist die komplexe Ausstellung »Garten der irdischen Freuden« zu sehen. Im Erdgeschoss des Gropius Baus werden Arbeiten von 22 Künstler*innen präsentiert, die Gärten unterschiedlich interpretieren: Als freudige, erholsame, gesellige Plätze und als dystopische, postkoloniale Orte der Vertreibung.

Stephanie Rosenthal, Kunsthistorikerin und Direktorin des Martin-Gropius-Baus, hat die Ausstellung kuratiert. In einer Beschreibung der Werkschau wird eine politische Dimension des Themas aufgezeigt: »In der heutigen Zeit, die durch einen radikalen Klimawandel und Migrationsbewegungen bestimmt ist, ist auch unser Denken über den Garten politischer geworden.« Der Ausstellungstitel ist an ein bekanntes dreiteiliges Gemälde des niederländischen Künstlers Hieronymus Bosch angelehnt: »Garten der Lüste«. Eine Kopie der Mitteltafel des Kunstwerks bildet einen Ankerpunkt der Ausstellung, denn Bosch interpretierte den Garten als Paradies, Utopie und Dystopie. Deshalb beziehen sich die ausgestellten Arbeiten auf das »Motiv des Gartens als eine Metapher für den Zustand der Welt«. Im erstem Ausstellungsraum, als weiterer Ankerpunkt, wird ein iranischer Knüpfteppich aus dem 18. Jahrhundert präsentiert. Er zeigt einen Garten, der zwei sich kreuzende Achsen aufweist (Tschahār-Bāgh-Muster) ‒ ein Pairidaeza. Das persische Wort heißt »ummauerter Ort«; »pairi« bedeutet »um« und »daeza« ist eine »Wand«. Der Begriff bezieht sich auf von Mauern umgebene Gärten, die Blumen, Wasserläufe und schattige Plätze im Innern schützen. Im Winter werden diese Teppiche in die Häuser getragen. Sie »transportieren so den Garten in den Innenraum«, ist auf einer Infotafel zur Ausstellung zu lesen.

Afroamerikanische Identität
Die auffälligste Installation ist die Arbeit von Rashid Johnson: »Antoine’s Organ«, aus dem Jahr 2016. Es ist eine üppig mit Pflanzen, Büchern, Bildschirmen und anderen Objekten befüllte und hell beleuchtete rechteckige gitterartige Struktur, die im Lichthof des Museums steht. Auf dem erstem Blick sieht es auch wie ein Pflanzenregal in XXXL.

Auf dem zweiten Blick ist erkennbar, dass der afroamerikanische Künstler sich mit dem Thema »schwarze Identität« auseinandersetzt. Außerdem steht in der Installation versteckt ein Klavier, das jeden Samstag ab 14 Uhr im Einsatz ist ‒ ein Besuch der musikalischen Präsentation ist kostenfrei.

Schuhfrei Zitronenabdrücke erspüren
Im Museum erstmal die Schuhe ausziehen? Ja, bei Renato Leottas Installation aus Terrakotta-Fliesen ist das so, damit die Besucher*innen Abdrücke auf der Fliesenoberfläche erspüren können. Der Künstler betrachtet die Metapher des Gartens als Denkstruktur. Seine sizialinischen Terrakotta-Fliesen zeigen zwanzig Dutzend individuelle Abdrücke von Zitronen. Es waren reife Früchte, die von Zitronenbäumen ‒ über einen Zeitraum von mehreren Monaten ‒ auf noch ungebrannte Fliesen gefallen sind, die Leotta um die Bäume verteilt hatte. Während der gesamten Erntesaison hielt er die Fliessen feucht.

Auf einer Infotafel ist ein Zitat des Italieners festgehalten, in dem er eine von Newton inspirierte Landschaft beschreibt: »in der jede fallende Frucht mit der Geburt einer Idee oder eines Gedanken verbunden ist«. So begann er, sich »einen undendlichen Garten als Summe von Raum und Zeit in einem bestimmten Gebiet vorzustellen«. Seine Installation, den Terrakottagarten, beschreibt er so: »ausgelegt, entsteht ein visuelles Echo der fallenden Früchte«.

Ist das private Gärtnern politisch?
Im letztem Abschnitt der Ausstellung sind Fotos zu sehen, auf denen eine große Gruppe von Menschen städtische Flächen bepflanzt. Es handelt sich um einen Gemeinschaftsgarten in San Francisco.

Das Urban Gardening Projekt von »futurefarmers« entstand vor etwa zehn Jahren. In einem Faltblatt zur Ausstellung wird das städtische Gärtnern als Protestform beschrieben, die in der Gartenarbeit »soziale Konflikte sichtbar machen« möchte. Städter*innen gärtnern demnach »um ihre Vorstellung von Utopie, Zusammenleben und Umweltschutz politisch im Garten umzusetzen.«

Dieser Artikel beleuchtet einen Teil der Werkschau, damit interessierte Leser*innen die anderen Installationen selber erkunden.

Die Ausstellung ist mittwochs bis montags von 10 Uhr bis 19 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen finden sonntags um 16 Uhr und jeden 1. Mittwoch im Monat um 17:30 auf Deutsch statt, und jeden 1. Sonntag im Monat um 13 Uhr auf Englisch. Adresse: Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.

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