Am Gedenktag für Gewaltlosigkeit: Fünf Fragen zu gewaltfreien Protesten

In den vergangenen Wochen erzählten mir Aktivist*innen, dass sie sich für eine Teilnahme an Aktionen von Extinction Rebellion entschieden hätten, weil sich diese Organisation ausdrücklich für Gewaltfreiheit ausspricht. Der Gedenktag für Gewaltlosigkeit bietet sich als passender Tag für ein Gespräch zu diesem Thema an.

Was ist der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit?
Im Jahr 2007 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen, dass alljährlich am 2. Oktober der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit begangen wird. Die Mitglieder der UN-Versammlung wählten dieses Datum in Gedenken an den Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung: Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma (bedeutet »große Seele« in Sanskrit) Gandhi, der am 2. Oktober 1869 geboren wurde. Mit der Einführung eines Welttags für die Gewaltlosigkeit soll das Bewusstsein der Menschen für pazifistische Lösungen verstärkt werden. Gandhi wurde weltweit bekannt für das von ihm entwickelte Konzept des gewaltfreien Widerstandes.

Um mehr darüber zu erfahren, warum Extinction Rebellion (kurz: »XR«) Deutschland das Thema Gewaltfreiheit bei ihren Protesten betont, interviewte ich Tino Pfaff. Er ist ein Pressesprecher der Klimaschutzbewegung.

Tatiana Abarzúa: »Wo fängt für XR Deutschland Gewaltfreiheit an? Anders gesagt, wie definiert ihr für Euch Gewaltfreiheit?«

Tino Pfaff: »Mit der Gewaltfreiheit ist es in einer Gesellschaft wie unserer nicht so einfach. Sind wir doch Teil von toxischen Strukturen, deren Aufrechterhaltung wir dadurch sichern, dass wir ‒ innerhalb und besonders außerhalb unserer Landesgrenzen, sowohl aktiv als auch passiv ‒ für das Leid anderer Menschen sorgen. Wir holen uns mit nahezu allen Mitteln das was wir wollen. Die Folgen sind uns bekannt und dennoch lässt sich wenig Änderung vernehmen. Natürlich müssen wir dabei beachten, dass wir als Einzelne nicht direkt, gegen die Ausbeuterischen, diskriminierenden, verletzenden und letztlich auch mordende Strukturen angehen bzw. uns aus ihnen herausziehen können. So sind wir auf kurz oder lang in unserem alltäglichen Handeln, ganz besonders wenn wir Dinge konsumieren die offensichtlich mit blutigen Händen produziert wurden. Doch wenn wir auf den gewaltfreien zivilen Ungehorsam schauen, ist das etwas anders. Die Extinction Rebellion bezieht sich explizit auf Gewaltfreiheit, sowohl im Handeln als auch in der Kommunikation. Das gewaltfreie (Nicht-)Handeln während des Rebellierens ist eine Sache. Weiter unterliegt das Bestreben, diese Form des Umgangs auch in den Alltag zu übernehmen und so einen Reflexionsprozess in Gang zusetzen, der uns zeigt, wo, wie, wann und wem gegenüber wir im Alltag gewaltvolle Handlungen und Sprach anwenden. Unter diesem Aspekt bedeutet Gewaltfreiheit, dass wir durch unser Tun keinem andern Menschen, wehtun wollen. In der Rebellion zeigt es sich dadurch, dass wir keinen körperlichen oder verbalen Widerstand etwa gegen Festnahmen leisten und das die Form unserer Aktionen ebenso davon geprägt ist. An der Stelle wird es allerdings dialektisch, da wir etwa durch Blockaden den Alltag unserer Mitmenschen stören und in gewisser Weise Situationen generieren, die für andere als eine Form von Gewalt empfunden wird. Ich halte diese Empfindungen für absolut berechtigt und legitim. Ich gehe an der Stelle aber einen Schritt weiter und sage, dass wir dies tun müssen. Der neueste Bericht des Weltklimarates ist eindeutig.«

Abarzúa: »Was bedeutet für Euch friedlicher Ungehorsam? Kannst Du ein konkretes Beispiel geben? Dieser Begriff steht auf der Website von XR Deutschland.«

Pfaff: »Ja, gerne. Für mich bedeutet es, dass ich mich auf eine Straße setze und den Verkehr blockiere; wenn dann Polizist*innen den Befehl bekommen diese Blockade zu räumen, dann wehre ich mich nicht.«

Abarzúa : »Auf der Website von XR Deutschland steht auch, dass eine Untersuchung von Protesten aus dem Zeitraum 1900 bis 2006 ergeben habe, dass 53 % aller friedlichen Kampagnen erfolgreich waren. Bitte erläutere kurz den Hintergrund dazu.«

Pfaff : »Gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen untersuchte Erica Chenoweth im Rahmen der sogenannten Columbia Studien über Terrorismus und unregelmäßige Kriegsführung 200 gewalttätige Revolutionen und über 100 gewaltfreie Kampagnen. Wovon 26 % der gewaltsamen Revolutionen und 53 % der gewaltfreien Kampagnen erfolgreich waren. Das ist eine interessante Studie und bietet Stoff für die verschiedensten Interpretationen. Für mich persönlich hat diese Studie jedoch nicht so viel Stellenwert für meinen gewaltfreien zivilen Ungehorsam. Ich denke, wir sollten danach streben weil es einfach ein moralischer Anspruch an uns selbst ist und wir eine solidarische Welt nicht mit Gewalt erwirken können.«

Abarzúa : »Was sind erprobte non violent direct action Strategien?«

Pfaff: »Dies bedeutet letztlich nicht mehr, als dass wir uns jeglicher Form von Gewalt entbehren, wenn wir in den Protest gehen. So erzeugen wir möglichst wenig Situationen, die Raum für eine Gewaltspirale lassen. Also, dass es aufgrund von Handlungen, die als aktiv gewalttätig empfunden werden können, zu Gegenreaktionen kommen kann, die sich letztlich in einer schier endlosen Kausalkette verfangen. Aber für interessant halte ich an der Stelle die Aussagen von zwei sehr bemerkenswerten Menschen: Gandhi und Adamczak. Mohanda Gandhi sagte einmal: »Wer glaubt Gewalt sei eine adäquate Lösung zur Durchsetzung ziviler Bedürfnisse, dessen Argumentation gleicht der Behauptung, wir könnten ein schädliches Kraut pflanzen und eine Rose erhalten«. Wie Gandhi erkannte, ist es schwer zusammenzubringen eine friedliche Gesellschaft zu fordern, diese aber mit Gewalt zu erkämpfen. Eine Aussage von Bini Adamczak verstehe ich so, dass wir in der rebellischen Zeit, in der wir versuchen für eine neue Gesellschaft einzustehen, schon das Miteinander so gestalten sollten, wie wir es uns nach einer erfolgreichen Rebellion wünschen. Die Mittel sind also sogleich der Zweck den wir verfolgen. Eines ist mir an dieser Stelle allerdings sehr wichtig. Ich spreche hier im Kontext von einem Gesellschaftssystem welches uns in vielen Punkten die Möglichkeiten des friedlichen Protestes bewahrt. In vielen Ländern der Erde ist das deutlich anders, dort haben Menschen nicht die Möglichkeit für ihre Interessen bzw. ihre legitimen und moralisch legalen Anliegen in dieser Form zu protestieren. Das müssen wir anerkennen und uns darüber bewusst werden in welch previligierten Verhältnissen wir leben.«

Abarzúa : »Bist Du der Meinung, dass das Prinzip der Gewaltfreiheit XR von anderen Bewegungen der Zivilgesellschaft unterscheidet, und wenn ja, warum?«

Pfaff: »Ich denke der Unterschied ist geringer als es vielleicht für manche auf den ersten Blick scheint. Viele Klimabewegungen nutzen ebenso Formen das zivilen Widerstandes, die ich als gewaltfrei erachte. Fridays-for-Future hat so eine Kraft entwickelt und das ohne jegliche Formen der Gewalt. Wenn wir im klein klein darauf schauen, dann lassen sich sicher unterschiedliche Ansätze erkennen. Man könnte jetzt sagen XR sitzt, hängt, oder klebt in ruhenden Positionen und bspw. Ende Gelände hat eine etwas offensivere Taktik, in dem sie gegebenenfalls auch Absperrungen umfließen wollen. Jedoch ist hier ja wohl kaum ein Unterschied zu finden. Die sozialpolitischen Klimabwegungen Fridays-for-Future, Ende Gelände, Extinction Rebellion, Gastivists, Am Boden bleiben und FreeTheSoil sind für mich allesamt gewaltfrei.«

Tranzparenzhinweis: Das Interview fand per E-Mail statt.

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